Bauermanns EM-Kolumne: So konnten wir Giannis stoppen und darum überraschten mich die Griechen

Bauermanns EM-Kolumne: So konnten wir Giannis stoppen und darum überraschten mich die Griechen – NBA – Basketball – diesportexperten.de



Dirk Bauermann (64) analysiert für den kicker die deutschen EM-Spiele. In seiner achten Kolumne nennt der frühere Bundestrainer viele Gründe für den grandiosen Sieg gegen Griechenland, erklärt, wie es DBB-Team gelang, einen NBA-Superstar zu stoppen und bedankt sich für eine „kleine Revanche“.

Dirk Bauermann im EM-Finale 2005, das Deutschland gegen Griechenland verloren hat.


Dirk Bauermann im EM-Finale 2005, das Deutschland gegen Griechenland verloren hat.

Bongarts/Getty Images


Es gibt natürlich eine sportliche Rivalität mit Griechenland, die von vielen Spielen im Europacup auf Vereinsebene sowie den Duellen der Nationalmannschaften geprägt ist und die ich auch spüre. Umso mehr fiebert man mit und drückt unseren Jungs die Daumen. Sowohl meine Frau als auch ich saßen am Dienstagabend mit Deutschland-T-Shirts von unserer Olympia-Teilnahme 2008 als Fans vor dem Fernseher und haben uns super gefreut über diese tolle Leistung und den absolut verdienten Sieg.


Ich selbst habe Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre als Trainer bei Apollon Patras und Dafni Athen gearbeitet und den griechischen Basketball sehr schätzen gelernt. Insofern war ich ein bisschen überrascht von der etwas blutleeren Vorstellung der Griechen und davon, dass sie nicht mehr Intensität, Galligkeit und Aggressivität an den Tag gelegt haben, vor allem in der Defensive.


Das soll aber den grandiosen deutschen Sieg überhaupt nicht schmälern. Der war unter anderem durch die enorme Betonung der individuellen Ausbildung möglich. Technische Fertigkeiten, im Eins-gegen-eins den Gegner schlagen und den Dreier werfen zu können, insgesamt extrem variabel zu sein und in jeder Situation die richtige Antwort zu haben – das funktioniert, weil der Werkzeugkasten voll ist. Auch der vieler unserer Jungs. Diese Entwicklung kommt vor allem aus der NBA, wo die Spieler im Sommer alle in private Trainingscamps gehen, wo sie an ihrer Athletik, aber insbesondere auch an ihrem persönlichen „Skillset“ arbeiten, wie die US-Amerikaner sagen.


Das sieht man vor allem bei Dennis Schröder, der im Eins-gegen-eins eigentlich jeden schlagen kann und gegen die Griechen – wie in der letzten Kolumne angedeutet – auch beim Wurf von außen sicher war. Zu sehen ist ein voller Werkzeugkasten auch besonders bei Franz Wagner und Maodo Lo, der zwar noch nicht in der NBA gespielt hat, aber am College und vor allem in Berlin aus- und weitergebildet wurde, wo individuelle Förderung auch eine große Rolle spielt. Das Markenzeichen dieser Entwicklung ist der so genannte Step-back-Dreier, also ein Distanzwurf, vor dem man sich noch zwei Schritte vom Gegner entfernt, um unter geringerer Bedrängnis werfen zu können. Das sind typische NBA-Moves.


Was man sicher auch nochmal herausstellen muss, ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Das Spiel ruht wirklich auf vielen Schultern, da vertraut und hilft einer dem anderen, gerade auch defensiv. Es gibt offensiv eine gute Mischung zwischen guter Ballbewegung im Halbfeldangriff und Isolationsbasketball, wenn einer unserer starken Eins-gegen-eins-Spieler attackiert und die anderen vier das Feld breit machen. Da konnten unsere schnellen Spieler durch die Übergabe der Griechen in der Verteidigung oft gegen größere, aber langsamere Gegner ihre Vorteile ausspielen.


Wichtige Impulse kamen insbesondere von Andi Obst, dessen Dreier am Anfang der Mannschaft unglaublich viel Sicherheit und Schwung gegeben haben, wenngleich ich finde, dass ihn die Griechen zu nachlässig verteidigt haben. Dennoch muss man die Dinger alle erstmal versenken, das hat er großartig gemacht. Bis auf die überragenden Schröder und Wagner, waren auch alle anderen mehr als solide, haben immer wieder Akzente gesetzt, mit schwierigen Würfen, guten Pässen und intensiver Verteidigung. Daniel Theis hat sich wie im Litauen-Spiel unter den Körben in beeindruckender Weise zur Wehr gesetzt, ist sich als NBA-Profi nicht für die Drecksarbeit zu schade, spielt sehr physisch, reboundet stark und blockt Würfe. Super, wenn er dann auch noch wie gegen die Griechen vorne Akzente setzen kann. Kämpferisch war es von allen top.


Man sagt, dass es im Spiel drei wichtigen Phasen gibt, in dem die eine oder die andere Mannschaft viel Momentum, Schwung und Rhythmus hat. Man gewinnt in aller Regel, wenn man zwei Phasen davon beherrscht. Dafür ist dieses Spiel ein schönes Beispiel. Das DBB-Team hat herausragend begonnen, im zweiten Viertel bis zur Halbzeit-Führung hatten die Griechen ihren beeindruckenden Lauf, ehe das deutsche Team im dritten Viertel seine irre Phase hatte, in der vorne wie hinten fast alles gelang.

Gameplan gegen Giannis erfordert nicht nur Intensität, sondern viel Disziplin


Noch eine weitere Weisheit bestätigte sich. Die Offensive verkauft die Tickets, die Verteidigung gewinnt Spiele und vor allem Meisterschaften. Selbst in diesem Highscoring-Game hat das deutsche Team das Spiel durch ihre bärenstarken fünf ersten Minuten der zweiten Halbzeit gewonnen, als es den Griechen in der Verteidigung so gut wie nichts gestattete und Giannis Antetokounmpo viel konsequenter aus dem Spiel genommen hat als in der ersten Hälfte. Wenn er den Ball im Schnellangriff selbst nach vorne bringt, muss man eine Mauer aus allen fünf Spielern vor ihm aufbauen, damit er zum Passen gezwungen wird und nicht in die Zone kommt.

Dirk Bauermanns EM-Kolumnen


Auch im Halbfeld haben sie gegen Giannis viel besser verteidigt, weil sein direkter Gegenspieler immer vielfache Hilfe in seiner Nähe hatte. Alle vier anderen deutschen Spielern sind oft weit von ihren Gegenspielern abgesunken, um fünf Spieler um ihn herum zu haben. Im Fachjargon heißt das „to show a crowd“, also eine Menge von Menschen zu zeigen, die mit erhobenen Armen die Räume zusätzlich extrem verengen. Dazu gehört nicht nur Intensität, sondern viel taktische Disziplin, diesen Gameplan konsequent umzusetzen. Das war in der ersten Hälfte noch nicht der Fall, als man 61 Punkte kassierte.


Wenn Giannis gut kontrolliert wird, reicht es bei den Griechen dann eben nicht, weil sie anders als wir nicht noch zwei weitere gute NBA-Spieler und sieben weitere haben, die es auf diesem Niveau auch gut können, sondern nur drei oder vier Spieler. Viele werden sich fragen, wieso eine deutsche Nationalmannschaft, wie in der zweiten Hälfte geschehen, einen in der NBA so dominierenden Superstar aus dem Spiel nehmen kann. Das hat einerseits mit dem kleineren FIBA-Spielfeld zu tun, das weniger Raum bietet, vor allem innerhalb der Drei-Punkte-Linie.


Und nur in der NBA gibt es die Regel, dass ein Verteidiger nicht länger als drei Sekunden in der eigenen Zone stehen darf. International gilt das nur für den Angriff. Das macht es Spielern wie Giannis in der NBA viel leichter, in die Zone und damit zum Korb zu kommen. Hinzu kommt die Gangart in der Verteidigung. International wird von den Schiedsrichtern viel mehr physische Härte gestattet, während in der NBA manchmal schon ein Foul gepfiffen wird, wenn man einen Star wie Giannis nur anfasst.

Dirk Bauermann


Dirk Bauermann.
Getty Images

Danke für diese kleine Revanche


Die aktuelle Generation ist die letzte, die ich noch als Nationaltrainer erlebt habe. Damals waren beispielweise Daniel Theis, Dennis Schröder, Joe Voigtmann oder Andi Obst zwar noch U-16- oder U-18-Nationalspieler, aber ich kenne die Jungs alle persönlich und habe ihre Karrieren seitdem verfolgt. Insofern habe gibt es da eine große Identifikation bei mir, nicht nur mit dem deutschen Basketball, dem Verband und der Nationalmannschaft allgemein, sondern auch mit den Jungs ganz persönlich. Ich freue mich riesig für jeden von ihnen – sie haben es wirklich verdient.


Alle Spieler, die 2005 im EM-Finale gegen die Griechen verloren haben und natürlich auch ich als Trainer, freuen sich besonders, dass die Griechen nach Hause geschickt wurden, keine Medaille gewinnen und diesmal die Deutschen sehr verdient gewonnen haben. Das war eine grandiose Vorstellung und die Behauptung, dass es das beste Offensivspiel einer deutschen Basketball-Nationalmannschaft überhaupt war, kann man unwidersprochen so stehen lassen. Ob das gegen einen von Anfang an besser und bissiger verteidigenden Gegner nochmal so möglich sein wird, muss man sehen, aber offensiv war es einfach grandios, was die Jungs da abgeliefert haben. Danke nochmals für diese kleine Revanche!


Dirk Bauermann (64) hat mit der deutschen Nationalmannschaft um Dirk Nowitzki 2005 EM-Silber gewonnen und die DBB-Auswahl insgesamt gut acht Jahre gecoacht (WM 1994, 2003 bis 2011). Mit Leverkusen und Bamberg holte Bauermann als Trainer unter anderem neun Deutsche Meistertitel. Bis Anfang September 2022 war Bauermann, der Vorträge zu den Themen Erfolg, Motivation und Teambuilding hält, tunesischer Nationaltrainer und gewann mit dem Land 2021 die Afrikameisterschaft.

© – by kicker.de

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